Während meiner Winterferien bei ein paar Gläsern guten Weins aus der Gascogne, genoss ich in vollen Zügen die Schönheit meines so geliebten Heimatlandes. Die Proteste der Gelbwesten und der Wille der Neukaledonier, Franzosen bleiben zu wollen, gaben Anlass einen der (natürlich kaum vorhandenen) politischen Mängel Frankreichs zu analysieren: seine Außenpolitik.

Wie viele Länder seiner Größe und Wichtigkeit, möchte Frankreich als großer politischer Akteur auf der Weltbühne wahrgenommen werden, ohne alle dafür notwendigen Merkmale oder Mittel zu besitzen. Länder wie Großbritannien, Deutschland oder Spanien, wichtige – gar unerlässliche Akteure der Weltpolitik – können jedoch alleine, im Gegensatz zu Supermächten wie China und den USA, nur wenig ausrichten. In diesem schnelllebigen internationalen System müssen die alten Weltmächte ihre Außenpolitik neugestalten oder den langsamen Schwund ihres Einflusses mitansehen. Ein perfektes Beispiel dafür ist Frankreich, denn es ist symptomatisch für einen ganzen Kontinent. Frankreich besitzt Elemente einer globalen Macht, aber nur limitierte und sinkende Mittel sie auszuüben. Mit der Atomwaffe, einem permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat, als wirtschaftlicher „Global Player“ und seiner territorialen Präsenz auf allen sechs Kontinenten, entweder durch Überseegebiete oder Militärstützpunkte, hat Frankreich alle Merkmale einer „Hard Power“, einer europäischen Großmacht des 20. Jahrhunderts.

Doch um die veränderte Situation im 21. Jahrhundert zu verstehen, muss auch Frankreich erkennen, dass es selbst, sowie andere europäische Mächte auch, in Zukunft nicht mehr die gleiche Rolle auf der Weltbühne einnehmen kann wie früher – dafür ist die Bedeutung anderer Länder in Asien und im Nahen Osten zu stark gestiegen. So sehr es auch schmerzt, muss Frankreich erkennen, dass es im Jahr 2020 nicht mehr das gleiche wie im Jahr 1960 sein kann. So muss De Gaulles´ Außenpolitik, die der Welt die „Französischkeit“ brachte, verabschiedet werden. Immerhin haben sich die Franzosen besser damit abgefunden als die Briten. Das sogenannte „Little England-“ oder „Brexit Syndrom“ blieb uns, den so temperamentvollen Franzosen, bislang erspart.

Also was tun? Sollten wir, die sehr auf ihre Kultur bedachten Europäer, uns mit unserer Vorstellung von vergangener Größe zufriedengeben und die Weltbühne mit Glanz und in Wohlstand verlassen? Darin hat besonders meine ebenso geliebte Adoptivheimat Österreich, viel Erfahrung. Oder sollten die europäischen Staaten ihrer relativ neuen und öfters nicht eingenommenen Rolle als Verteidiger der Demokratie, der Menschenrechte und des Wohlstands gerecht werden? Wie könnten diese notwendigen Reformen in der Außenpolitik besser veranschaulicht werden, als durch ein Land, dass sich permanent größer gesehen hat als es ist: meine gallische Heimat.

Ein erster Schritt wäre zu erkennen, dass Bomben, Panzer und Flugzeugträger und wie viele Soldaten man zur Verfügung hat, nicht zur Beurteilung des Einflusses eines Staates herangezogen werden können. Die Waffen unserer Zeit sind Filme, Sprache, Kultur und diplomatische Beziehungen. Gerade im Hinblick auf Kultur, Essen, Wein, Kino und die „art de vivre“ können die Franzosen punkten. Durch die europäische Kultur könnten sich auch die europäischen Werte und der europäische Einfluss, sofern gut und klug eingesetzt, schnell in den aufstrebenden Staaten verbreiten. Eine globale, kulturelle „Soft Power“ ist für jede europäische Nation ein einfaches Mittel Einfluss zu gewinnen und der Weg zum Zentrum der Macht.

Ein zweiter, insbesondere für Frankreich, aber auch für jede andere europäische Kolonialmacht sehr sensibler Punkt, wäre eine Änderung der Afrika-Politik. Die Zeiten, in welchen ein afrikanischer Diktator mit einem Peugeot 505 gekauft und somit ein Machtwechsel herbeigeführt werden konnte, sind vorbei. Afrika hat das Potenzial zum weltweit führenden Markt zu werden. Während Frankreich sich zu lange als privilegierter Partner seiner einstigen Kolonien gesehen hat und diese als politisches Experimentierfeld ausgenutzt hat, haben diese neue Chancen ergriffen, sind Partnerschaften mit anderen Weltmächten eingegangen und ihren eigenen Weg gegangen. China hat intensiv Infrastrukturen und Märkte aufgebaut und ist damit in der besten Ausgangsposition auf dem wohl vielversprechendsten Markt des Jahrhunderts. In ihrer Selbstgefälligkeit haben die Europäer es verschlafen, eine gesunde Wirtschaftspolitik mit dem afrikanischen Kontinent aufzubauen. Ein Sichtwandel, weg vom armen und problembehafteten Afrika, ist notwendig, um zu begreifen, dass dieser Kontinent voller Möglichkeiten und Zukunft steckt. Frankreich hat in dieser Hinsicht auch wieder gute Karten. Denn trotz des starken Rückgangs in der Rangliste der Wirtschaftspartner in Afrika seit den 90ern, hat Frankreich sowie andere ehemalige Kolonialmächte das, was China oder die USA nicht haben: eine echte kulturelle und politische Vernetzung. Mit einer kulturellen Organisation wie die der Frankophonie und starken politische Beziehungen mit Paris, ist und bleibt Französisch eine der wichtigsten Sprachen des Kontinents, Tendenz steigend. Eine gezielte und koordinierte kulturelle Vernetzungspolitik der europäischen Länder mit Afrika kann, mit Hilfe der Internationalen Organisation der Frankophonie, des Commonwealth, des Goethe Instituts und der Gemeinschaft der portugiesisch-sprechenden Länder, den Handel zwischen den beiden Kontinenten stark beschleunigen. Die oft schwierigen Beziehungen zwischen den früheren Kolonialmächten könnten so auf europäischer Ebene durch kulturellen und wirtschaftlichen Austausch überwunden werden.

Dies bringt mich zu meinem letzten Punkt, der für Frankreich genauso wenig leicht hinnehmbar ist wie die anderen zwei. Mit der Erkenntnis, dass Frankreich seine alte Außenpolitik nicht alleine gestalten kann, stellt sich die Frage in welchem Rahmen sie sich künftig einordnen soll. Dabei verfügt Frankreich sowie alle anderen europäischen Staaten über ein unglaublich potenzialreiches und zu selten verwendetes Instrument: die EU. Klar ist, dass seit Jahrzehnten berichtet und analysiert wird, wie, warum und ob die EU eine gemeinsame Außenpolitik gestalten sollte. Ein Grund warum sie heute noch so vorsichtig gehandhabt wird besteht darin, dass einige Länder, allen voran Frankreich, noch der Auffassung sind, die Welt alleine nach ihren Vorstellungen gestalten zu können. Doch das Potenzial einer, mit einer Stimme sprechenden, auf globaler Ebene vergleichbare Werte und Interessen der größten Freihandelszone der Welt vertretenden, EU zu nutzen, wäre ohne Frage der richtige Weg.

Notwendig ist der Einsatz und das klare Bekenntnis zur EU, ihres globalen Einflusses, sei es in einer Ausweitung der kulturellen „Soft Power“ oder einer reformierten Afrikapolitik. Die EU ist als großartige Gelegenheit zu sehen, um Einfluss in einer gemeinsamen Außenpolitik zu gewinnen, die für alle Mitgliedstaaten spricht. Dies ist für Frankreich und andere europäische Länder der richtige Ausweg aus ihrer derzeitigen eingeschränkten Rolle und zurück ins Zentrum des Weltgeschehens. Wie der französische Präsident Jacques Chirac einmal sagte, gäbe es nichts gefährlicheres als in einer sich bewegenden Umgebung still zu stehen.

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