Was sich täglich zu Sonnenuntergang am Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan abspielt, ähnelt auf den ersten Blick eher einem Volksfest als der Manifestation militärischer Stärke zweier Erzfeinde. Die Sitzreihen sind prallgefüllt mit Touristen, Schulklassen und Schaulustigen. Buchautorin und Journalistin Mehru Jaffer berichtet von „Singen und Tanzen“ das den synchronen Can-Can der bunt geschmückten Grenzsoldaten begleitet.  

Am Kontrollpunkt zwischen den Orten Attari in Indien und Wagah in Pakistan wird seit 1959 die Beating Retreat praktiziert ─ eine farbenfrohe Zeremonie zur Wachablöse, die täglich von hunderten Zuschauern gefeiert wird.

Attari und Wagah liegen in Punjab, einer Region, die sich heute sowohl über indisches als auch pakistanisches Territorium erstreckt und nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens (1947) willkürlich aufgeteilt wurde.

Als die britische East India Company das Fünfstromland im zweiten Anglo-Sikh-Krieg 1849 eroberte, teilten sich Muslime, Hindus, Sikhs und religiöse Minderheiten die fruchtbaren Böden Punjabs. Nachdem auch Punjab unter die Kuratel der Briten gestellt wurde, wuchs der Widerstand gegen die Kolonialmacht. Beim Aufstand der Sepoys 1857 griffen Hindus, Muslime und Sikhs in gemeinsamer Sache zu den Waffen, und lehnten sich gegen die Briten auf. Doch erst Gandhi’s friedliche Protestbewegung erreichte 70 Jahre später, was die Sepoys durch ein Blutbad gefordert hatten: Das Ende der Kolonialherrschaft war in den 1930er Jahren nur noch eine Frage der Zeit.

In Vorbereitung auf Indiens Unabhängigkeit gewährten die Briten den über 500 Fürstenstaaten das Recht, über ihre Zugehörigkeit zu einem der zwei neu gegründeten Staaten – Indien oder Pakistan ─ zu entscheiden. Die Aufteilung der Regionen Bengal und Punjab, bewohnt von Muslimen, Hindus und Sikhs, wurde dabei zum Zankapfel. Die Muslimische Partei (Muslim League) unter der Führung von Muhammad Ali Jinnah strebte eine territoriale Trennung nach religiöser Zugehörigkeit an. Die Indian National Congress Party (INC) unter der Leitung von Jawaharlal Nehru trat für ein säkuläres Indien ein. Die Briten waren von dieser Dynamik überfordert und schwankten zwischen beiden Positionen, betonten aber stets ihren Wunsch nach einer friedlichen Lösung. Weil die verhärteten Fronten keine Einigung zuließen, adaptierte die britische Administration die Zwei-Nationen-Theorie der Muslim League und beauftragte den britischen Juristen Cyril Radcliff, zwei unabhängige Staaten nach der Religionszugehörigkeit ihrer Einwohner zu bilden. Victoria Schofield beschreibt in Kashmir In Conflict treffend, wie politische Interessen einen Federstrich leiteten, der letztlich blutige Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppen provozierte, Familien zerriss und bei Millionen Menschen ein bis heute nachwirkendes Trauma verursachte.

Die Radcliff-Linie fachte die bestehende Missgunst zwischen den Bevölkerungsgruppen weiter an: Tausende Sikhs, deren Land nun zu Pakistan gehören sollte, fühlten sich von den Briten, ihrer „Schutzmacht“, betrogen. Sogar Muslime, die bisher die hinduistische INC unterstützt hatten, verloren plötzlich in diesem „Hindustan“ ihre Daseinsberechtigung. Hindus, die in dem nun Pakistan zugehörigen Territorium ihre Wurzeln hatten, konnten sich angesichts der Übergriffe durch islamistische Gruppen in einem „Land der Muslime“ ihrerseits nicht mehr sicher fühlen.

Punjab verwandelte sich bald in eine Hölle, ein „Inferno“ , wie es der pakistanische Künstler Tassaduq Sohail beschreibt. Im Juni 1947 verlässt die Familie Sohail ihre Heimat Jalandhar, Punjab, um mit dem Bus die Grenze zu Pakistan zu überqueren. Auf der Reise musste der jugendliche Tassaduq erleben, wie „die Menschen durchdrehten“: Flüchtende wurden attackiert, ganze Familien wurden ausgelöscht, „jede Seite massakrierte Unschuldige“.  An der Grand Trunk Road, bis 1999 die einzige Verkehrsverbindung zwischen Indien und Pakistan, bewegten sich Flüchtlingsströme über die Grenze zwischen den Grenzorten Attari und Wagah.

Über dieselbe Straße, vor 70 Jahren Schauplatz der größten Flüchtlingsbewegung der Geschichte, reisen nun Muslime, Sikhs und Hindus zum Grenzposten, um dem Tanz der geschmückten Soldaten beizuwohnen. Schrilles Pfeifen der bunt gekleideten Wachposten verweist die Menge auf ihre Plätze, die Show beginnt. Die beiden Landesfahnen flattern im Wind, während sich „Hindustan“ und „Pakistan“-Rufe wechselseitig übertönen. Die Zuschauer warten gespannt auf den Höhepunkt der Parade: Indische und Pakistanische Grenzposten marschieren aufeinander zu und präsentieren ihren Bizeps, die Menge kommentiert das Spektakel mit begeisterten Zurufen.

Doch auch wenn Mehru Jaffer die albernen Kraftgebärden der Soldaten und die Kirmes-Stimmung wie „ein spielerisches Sich-Necken“ beschreibt, wird den Punjabis regelmäßig in Erinnerung gerufen, dass ihre Heimat durch die derzeit gefährlichste Grenze der Welt gespalten wird. Zwar wird die Zeremonie nicht ausgesetzt, wenn Bombenanschläge in nahe gelegenen Städten die Sicherheitslage beeinträchtigen, aber Touristen und Schaulustige werden dann nicht zugelassen.

Mit der untergehenden Sonne schließt die 45-minütige Zeremonie mit einer fast harmonischen Geste: Ein kräftiger Händedruck der jeweiligen Grenzwachen und, je nach aktueller politischer Stimmung, ein grimmiger Blickwechsel, begleiten das synchrone Herablassen der beiden Fahnen.

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